Unterhaltung: Fühlt sich noch jemand von der Politik geleimt?

Seb1904, 29. November 2017, um 16:55
zuletzt bearbeitet am 29. November 2017, um 17:29

Es ist ja nicht immer alles politisch korrekt und lesenswert, was Michael Klonovsky so von sich schreibt, aber sein gestriger Tagebucheintrag fasst die Dinge recht sauber zusammen....

„Ist es nicht eine göttliche Komödie, die uns die politische Klasse dieses Landes über ihre medialen Lautsprecher darbietet?

1. Aufzug
Am Wahlabend, nachdem die einstige Volkspartei ("Volk" ist keineswegs "viel", wie Benn an Klaus Mann schrieb, sondern ein Konstrukt, außer bei "Volkspartei" und ggfs. "Tätervolk"), nachdem also die SPD das schlechteste Ergebnis aller postbebelschen Zeiten (außer 1933) eingefahren hatte, tritt Martin Schulz zwar nicht auf den Balkon des Stadtschlosses, aber immerhin vor seine Genossen und verkündet unter frenetischem Jubel derselben, nun sei aber Schluss mit großer Koalition und der Zusammenarbeit mit den Christdemokraten. Die SPD ist frei! Zwischen seiner Partei und dieser CDU resp. dieser Kanzlerin, verkündet der Spitzensozi sodann in der "Elefantenrunde", sei das Tischtuch zerschnitten! Aber hallo! Großer, nicht enden wollender Jubel.

2. Aufzug
Die SPD ist draußen, melden die Medien, sie werde nun die Opposition anführen, gottlob als stärkste Kontrapartei vor der AfD. Nur unter erheblichen mentalen Vorbehalten verbleiben die amtieren SPD-Minister einstweilen in der Regierung der amtierenden Kanzlerin. "Jamaika" ist jetzt angesagt, klare Sache, was denn sonst? Unsere Sonnenkanzlerin hat schon Elastischeres hingekriegt als ein schwarz-gelb-grünes Gruppenstretching. Diese Koalition ist im Grunde das, worauf die Republik seit Adenauer zusteuert. Schön, dass die FDP wieder mit von der Partie ist, der Christian hatte es im Wahlkampf den Rechtspopulisten gezeigt, hart in der Sache, aber demokratisch bis in die Dreitagebartspitzen. Und Schwarz-Grün, das lag ja seit Jahren auf der Hand, da passte ja nun wirklich kein Blatt irgendeines CDU-Wahlprogramms aus Olims Zeiten mehr dazwischen. Die Zukunft verläuft so: Die Weltkanzlerin führt, die "Jamaika"-Truppe nickt ab, die Grünen sprechen den moralischen Segen, die rote Opposition applaudiert, da mag doch die AfD ruhig maulen, das melden wir gar nicht erst. Die demokratische Willensbildung im besten Deutschland, das es je gab, läuft weiter wie geschmiert, manchmal sogar ohne "wie".

3. Aufzug
Was ist passiert? Lindner verlässt die Koalitionsverhandlungen! Kein Jamaika! Er ist gar keiner von uns, sondern ein gelber Haider! Beim Möllemann! Das hatte man aber ahnen können! Müssen! Das war doch von vornherein klar! Von wegen offene Rechnung mit Merkel wegen ihres Koalitionsbruchs zweitausendweißnichtmehrgenau. In der Stunde der Not – Gauland und Weidel nicht mal mehr ante portas, sondern intra muros! – lässt die FDP wegen alter Kamellen das Mutterland im Stich. Lindner, der Lump!

4. Aufzug
Was nun? Merkel könnte eine Minderheitenregierung bilden. Mit den smarten, trendigen Grünen. Diese Regierung würde wenigstens nicht von der AfD toleriert werden. Man darf sich doch unmöglich von diesen Volks-, quatsch, Toleranzfeinden tolerieren lassen! Wir reden überhaupt viel zu viel über die AfD! Kann man die nicht ignorieren? Schade, dass die SPD sich so eindeutig gegen die GroKo bekannt hat. Sozialdemokraten sind keine Lindners, die stehen zu ihren Versprechen! Was heißt, Lindner hat gar niemandem etwas versprochen? Wer will das wissen? Aber halt, was hat Schulz eben vor seinen Genossen und von diesen heftig beklatscht gesagt? Wenn es besser für die Bürgerinnen und Bürger ist, dann halten die Sozialdemokraten das Wort, das sie den Bürgerinnen und Bürgern gegeben haben. Dann reichen sie die Hand zum Koalitionsbund, ob nun Merkel oder Pieck, Hauptsache fortschrittlich und gut für die Menschen da draußen.

5. Aufzug
Große Koalition, wir haben zwar nicht davon geträumt, weil dann die Grünen nicht mitregieren und der Planet zurückschlägt, aber irgendwie war es ja von Anfang an klar. Eigentlich können Schulz und Merkel gut miteinander, wie ein altes Ehepaar. Jetzt muss nur noch die Parteibasis auf Linie gebracht werden, weil die mitunter schwer von Begriff ist. Aber der Martin hat schon ganz klar einen Wahlkampf für die Vizekanzlerschaft geführt, das konnte jeder merken, der seine fünf Journalistensinne beisammen hat. Nun übernimmt er Verantwortung, was die Kanzlerin schon lange tut, hat sie in der Pressekonferenz nach dem Lindner-Verrat ja gleich dreimal gesagt. Auch die amtierenden SPD-Minister, die praktisch abgetaucht in der Regierung verblieben waren, melden sich wieder zu Wort, zum Beispiel der für Justiz auf twitter. GroKo, warum eigentlich nicht? Jamaika wäre sowieso schnell auseinandergeflogen. Da hätte sich doch bloß die AfD ins Fäustchen gelacht. GroKo ist okay. Hauptsache, unser Staatsschiff bleibt auf bewährtem Kurs!“

Nur bei der Stelle mit dem Gruppenstretching möchte ich mein Kopfkino gerne unstrapaziert lassen.

worstcase, 29. November 2017, um 17:07

Mir hat die Haltung von Lindner schwer imponiert. Endlich mal wieder ein Politiker, der sich zu einem klarem Nein durchgerungen hat und ehrlich gesagt, dass es nicht passt. Keine Schuldzuweisungen kein Gejammere. Einfach es passt nicht. Der Schuss von uns "ja wir schaffen das" Angie ging nach hinten los. Statt sich wieder in das gemachte Kanzlerin Bett zu legen hat einer der Schreiner gestreikt.

Politik ist für mich so wie so nur ein Lügen und Luftschloss. Mir fehlen einfach gute Politiker. Lindner hat mir wie oben schon erwähnt imponiert. Ich bin auch ein Freund von Gisi, zumindest als Person. Er hat nur die total falsche Partei.

akaSilberfux, 29. November 2017, um 18:34

Die Wähler haben für Deutschland einen konservativ-nationalistischen Bundestag zusammengesetzt: CDU/CSU/AFD haben zusammen 358 von 709 Sitzen. Für eine Regierungsbildung fehlt aber den Hetzern von der AFD alles, was eine ernstzunehmende nationalistische Politik im Rahmen unserer Verfassung ausmacht. Die Variante scheidet daher aus.
Die SPD würde sich endgültig kannibalisieren lassen, wenn sie zur GroKo nochmals ja sagte.
CDU/CSU sollten die Gelegenheit wahrnehmen und erkennbar konservative Werte vertreten und wieder ein Profil erhalten. Gleiches gilt für die SPD, die sich ihrer sozialen Verantwortung stellen sollte.
Das führt zu einer echten Minderheitsregierung, geführt von Mutti alleine, damit endlich niemand anderes schuld sein kann. Wer Mutti loswerden möchte, muss 2021 links außen wählen. Alle anderen würden ja ggf. mit ihr koalieren..
Und jammert mir nichts vor, ich habe nicht die AFD gewählt.

Seb1904, 29. November 2017, um 18:36

Die LindnerFDP ist aber auch ein one trick pony.

SchwillTiger, 29. November 2017, um 18:45

Lindner hat doch nur deshalb nein gesagt, weil er sich in seinem selbstverliebteb und vollgekoksten Kopf Neuwahlen erträumte,bei denen er dann zum Kanzler gewählt wird.

Imponiert hat mir das gar nicht. Welche Partei hält schon nach der Wahl was sie versprochen hat?
Wenn sich jeder ein Thema hätte auf die Fahne schrweiben können wäre doch alles wie immer gewesen.

Dazu “nein” zu sagen ist zu realitätsfern als 11% Partei

JoergD30, 29. November 2017, um 20:51
zuletzt bearbeitet am 29. November 2017, um 20:53

Die dümmsten von allen : Lindner und die FDP.
Am Wahlabend AFD und FDP die Sieger und Lindner steht bedröpelt neben Plasberg und zieht ein Gesicht wie 3 Tage Regenwetter.
Lindner wollte von Anfang an nur Oposition.
Die Jamaikaverhandlungen eine FDP Alibiveranstaltung.
Wer ernsthaft regieren will,sollte in 4 Wochen wenigstens teilweise seine Positionen durchbringen können!
Fazit : Die FDP braucht niemand in D !

Octopussy, 29. November 2017, um 21:19

2 mir bekannte FDP-Wähler aus meinem Freundeskreis würden sie bei Neuwahlen nicht nochmal wählen. Weil sie offensichtlich nicht regieren wollen. Gleiches gilt aber doch eigentlich auch für die SPD...

Lappen, 30. November 2017, um 11:51

Das sehe ich anders Octo.
Die SPD-Stammwählerschaft hat ihrer Partei bei der Bundestagswahl deutlich zu verstehen gegeben, dass eine Beteiligung an einer großen Kolatition in der bisherigen Form keine Daseinsberechtigung für eine sozialdemokratische Partei liefert - die SPD ist schlicht und einfach abgewählt worden und würde sich mit der erneuten Beteiligung an einer großen Koalition in meinen Augen dem Wählerwillen widersetzen.
Die wenigen Wähler, die der SPD noch einmal ihre Stimme gegeben haben, haben dies aus alter Verbundenheit getan und in der Hoffnung, dass sich vielleicht doch wieder etwas ändert. Die derzeitige Rolle der SPD zementieren wollten sie sicherlich nicht.

In Lindner hingegen (weniger in die FDP) haben aus welchen Gründen auch immer fünf Millionen Deutsche die Hoffnung gesetzt, er möge das Land verändern. Er bekam nun die Gelegenheit, zumindest zu versuchen, diesen Vertrauensvorschuss teilweise zurückzuzahlen - und hat dankend abgelehnt.

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