Unterhaltung: Reich-Ranicki ist tot

Ex-Füchse #365, 18. September 2013, um 16:49

Ich habs gerade im Radio gehört.
Ein großer Verlust für die deutsche Kulturlandschaft. Ich habe ihn gemocht, seine spitze Zunge, seinen scharfen Intellekt, seine universelle Belesenheit.
Sicher, ein Schriftsteller, der ihm nicht passte, der musste sich auf einiges gefasst machen. Aber trotzdem, mit seinem literarischen Quartett und seinen Beiträgen in der FAZ hat er die deutsche Literaturszene bereichert und voran gebracht.
Traurig - innerhalb von nur wenigen Tagen 3 so wichtige Kulturschaffende verstorben. Erst Otto Sander und Erich Loest und nun also MRR.
RIP

Doc_Jule, 18. September 2013, um 17:01

das "Büchernörgele" ;-)

werderino, 18. September 2013, um 17:08

Jo...er möge in Frieden ruhen. Ich mochte seine populistischen Auftritte nie. Allein schon sein Auftritt, als ihm dieser Preis verliehen werden sollte (weiß nicht mehr welcher) und er ans Mikrofon ging und sagte "Ich nehme diesen Preis nicht an". Dann muß man da auch nicht hingehen. Nur einer seiner für mich inszenierten , auf Effekthascherei ausgerichteten Auftritte.

DagwoodBumstead, 18. September 2013, um 17:10
zuletzt bearbeitet am 18. September 2013, um 17:45

Apropos "Büchernörgele" ;-) :

"...Ein Kritiker, der nicht verreißt, ist keiner. Werbetexte können auch die Lektoren schreiben. So wünscht sich auch das Publikum einen Kritiker, der besonders angewidert gucken kann, der am meisten Ekel nicht nur in seinen Formulierungen, sondern schon in seiner Mimik zum Ausdruck bringt, Reich-Ranicki sah immer so aus, als hätte er gerade 4 Zitronen geschluckt, mit Schale! Gespritzte Zitronen, wohlgemerkt!
..."

Dazu noch ein eher beruhigendes Zitat von Marcel Reich-Ranicki aus seinem Buch "Für alle Fragen offen - Antworten zur Weltliteratur", Seite 62, eine Sammlung seiner Antworten aus der Kolumne "Fragen Sie Marcel Reich-Ranicki" die seit 2003 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien.

"...Bisweilen geht es mir schon auf die Nerven , dass ich mich in dieser Rubrik immer wieder rechtfertigen muss. Ja, in der Tat. Ich habe nicht alle in den letzten 60 Jahren erschienenen Bücher gelesen, nicht einmal alle wichtigen. ..."

So so, nicht einmal alle wichtigen. Das beruhigt mich aber ungemein und stärkt mein Selbstwertgefühl. ;-)

EvilNephew, 18. September 2013, um 17:13

Hast Recht, werderino.

Wenn du dich abends vor den Fernseher setzt und "Promi Big Brother" anschaust, musst du ja wirklich das Gefühl haben, der Mensch wird dem Umstand, Krone der Schöpfung zu sein, gerecht. Ich glaube, es ist fast unmöglich, ein niveauvolleres und qualitätsvolleres Fernsehprogramm zu entwickeln als das, was wir zur Zeit im deutschen Fernsehen bewundern dürfen.

Seb1904, 18. September 2013, um 17:14

Kritik, gerade auch Literaturkritik, liegt sicher auch im Auge des Betrachters. MRR hat seine Kritik aber so formuliert, dass es zumindest Spass machen konnte, sie zu lesen.

Das Feuilleton in unserem Land hat Grund zur Trauer.

DagwoodBumstead, 18. September 2013, um 18:10
zuletzt bearbeitet am 18. September 2013, um 18:30

Aber auch die Schriftsteller? Ich habe da mal was gelesen und so meine Zweifel ... :

LITERATURPAPST REICH-RANICKI SEGELT MIT SCHWERER SCHLAGSEITE AUF DER SOLL-SEITE IN DIE EWIGKEIT :

"...Auf seiner Habenseite hat er eher zweifelhafte Pluspunkte; die von ihm protegierte Lyrikerin Ulla Hahn , der dieser Erfolg so sehr geneidet wird, das es auch nicht mehr schön ist, oder der von ihm (Marcel Reich-Ranicki) immer wieder hochgehaltene Koeppen, bei dem man fast schon geneigt ist, ihn als sein Geschöpf anzusehen. ...
Welchen Anteil am Erfolg eines Buches hat ein Kritiker überhaupt? Etwa beim "Parfüm"? Wäre es nicht genausogut ohne Reich-Ranickis Unterstützung gegangen, auf die er sich einiges zugute hält? ...
Auf der Soll-Seite läßt sich dagegen leicht beweisen, wieviel Schaden ein Reich-Ranicki angerichtet hat.
Hier gibt es Zeugnisse:
so etwa von Andersch, der Reich-Ranicki über den Tod hinaus gehaßt hat und uns aus dem Nachlaß das Wort vom "heim-ins-reich-ranicki" mitgegeben hat, oder von Grass der eine "Entheiratung" von seinen Kritikern gefordert hat, - ein verständlicher Wunsch, er möchte endlich mal von anderen besprochen werden ... vergeblich, vergeblich, ein Kritiker hängt sich an einen Erfolgsautor wie ein Blutegel.
Auch von Böll wissen wir, das er sich eine "Enthronung" von Reich-Ranicki gewünscht hat, und Handke schließlich hat Reich-Ranicki in seinem Werk "Die Lehre der Sainte-Victoire" als widerlichen Hund porträtiert.
Papst Reich-Ranicki wird also sicher mit einer schweren Schlagseite auf der Soll-Seite in die Ewigkeit segeln. ..."

Ex-Füchse #365, 18. September 2013, um 18:28

MRRs Verrisse haben dem Erfolg eines Buches meist nicht geschadet - im Gegenteil. Oft tauchten Romane, an denen der Literaturpapst im Quartett kein gutes Haar lies, nur wenige Wochen später auf der Spiegel-Bestsellerliste auf. Viele Leser wollten halt gerne wissen, worüber sich MRR so echauffiert hatte.
Mir fehlt etwas, seitdem der Vorhang des Literarischen Quartetts endgültig fiel. Elke Heidenreich war mit ihrer Büchersendung nur ein schwacher Ersatz.

DagwoodBumstead, 18. September 2013, um 18:53
zuletzt bearbeitet am 18. September 2013, um 19:10

Von Elke Heidenreich kenne ich nur die erste Sendung vom 29.04.2003 mit Harald Schmidt.
Der stellte "Zwölf" von Nick McDonell vor und wählte eine Textpassage mit eindeutig pornographischem Inhalt. Darauf bat Elke Heidenreich, doch eine andere Stelle vorzulesen. Das tat dann auch Harald Schmidt. ;-)

Was Kritiker angeht:

"...Aber in so einem Zweifelsfall möchte der Kunde gar nicht die guten Ratschläge der Kritiker. Bei einer Befragung, was denn nun die Leser zum Kauf eines Buches bewegt, liegt das Kritikermachtwort an letzter Stelle: Was ein Bekannter empfiehlt, ja, selbst, was der Buchhändler, der ja nur die Regale endlich räumen will (wie der Leser auch weiß) vorschlägt, zählt mehr als ein Tip von Kritikern. ..."

werderino, 18. September 2013, um 19:29

Ich stelle doch dessen "Verdienste" um die Literaturkritik gar nicht in Frage. Das maße ich mir nicht an, dies zu beurteilen. Mögen die "Bekritikten" und die andere Kritikercrew dies tun.
Mir gingen nur seine provokativen öffentlichen Auftritte auf den Senkel. M.E.war er ein Selbstdarsteller.
Posititiv fand ich allerdings damals seine Rede im Bundestag.

Stoni, 18. September 2013, um 19:52

Mir wird er fehlen.
Allein den nervigen Grass in die Schranken zu weisen ...
Effekte zu haschen ... bzw. überhaupt erst Aufmerksamkeit für Literatur zu schaffen ... Emotionen und Leidenschaften in einen überkopften Literaturbetrieb zu bringen ... die Geltung des Ganzen zu verbessern ... riesige Verdienste ... das Land zu lieben, das ihn verachtet und vertrieben hat, ihn ermorden wollte, seine Eltern ... das ist groß ...
Den Fernsehpreis auf diese Art abzulehnen, eine Pflicht für jemand, der wirklich deutsche Kultur gelebt hat.

Luderhonk, 18. September 2013, um 20:24

Enorme Vita, zweifelsohne. Selbstdarsteller, weiß ich nicht, werder, der war halt so gebacken. Ist auch gut so.
Aber Literaturpapst?
Hab mir nie ein Buch gekauft, das er angepriesen oder verrissen hat. Besser kann man nicht fahren. Hat der eigentlich selber welche geschrieben? Die hätt' ich gern, als Hörbuch, zum Hören war er immer geil. Ansonsten...

elesa, 18. September 2013, um 21:07

jo Stoni !!!!!

Ex-Füchse #365, 18. September 2013, um 21:07

Zumindest eine lesenswerte Autobiografie hat er verfasst: "Mein Leben". Ob es die aber auch als von ihm selbst vorgetragenes Hörbuch gibt, wage ich zu bezweifeln.

Luderhonk, 18. September 2013, um 21:11

Das wäre ja dann ein nicht mehr gut zu machendes Versäumnis. Dieser Duktus...

werderino, 18. September 2013, um 21:12

Auch für die Dame mit dem Crönchen :-). Gibts als Hörbuch, von ihm selbst vorgelesen:

http://www.amazon.de/Mein-Leben-Gelesen-vom-Autor/dp/389940274X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1379531448&sr=1-1&keywords=marcel+reich-ranicki

Ex-Füchse #365, 18. September 2013, um 21:14

Cool!

zur Übersichtzum Anfang der Seite